Auch in diesem Jahr sind in der Roten Mappe des NHB, die jüngst dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten überreicht wurde, wieder einige Themen mit Harzbezug enthalten.
Welterbe Harz
Zum Harzer Welterbe beklagt der NHB Defizite beim Erhalt von Teilen der Oberharzer Wasserwirtschaft. Einige Gräben haben einen gravierenden Substanzverlust – speziell genannt wird der Lautenthaler Kunstgraben im Innerstetal. Insgesamt fehle im Welterbe eine Bestandserfassung, ein systematisches Monitoring, eine Ansprache der Besitzer und die entsprechende Information der Kommunen. Die Talsperrenpläne der Harzwasserwerke im Oberen Innerstetal werden auch aus Denkmalsicht kritisiert, denn beim Bau einer neuen Sperre würden zahlreiche Denkmale verschwinden und weitere massiv beeinträchtigt.
Verlust historischer Bauakten
Zahlreiche Archive der niedersächsichen Kommunen befinden sich in prekärer Lage und die werde offenbar nicht besser. Besonders betroffen seien historische Bauakten. Speziell genannt wird hier die UNESCO-Welterbestadt Goslar, wo der Schutz historischer Bauakten der über 1.500 denkmalgeschützen Gebäude besonders wertvoll ist. Hier sei bereits älteres Schriftgut aus Bauakten unsachgemäß entsorgt worden.
Ein besonders eklatanter Fall von illegaler Altarchivalien-Vernichtung wurde erst nach Redaktionsschluss der Roten Mappe 2024 bekannt. Das Ratsgymnasium Goslar hat entgegen den Vorschriften des § 7 Niedersächsisches Archivgesetz sein Archiv entsorgt, ohne es vorher dem Stadtarchiv Goslar anzubieten. Dieses konnte nur noch die jüngeren Teile retten, die besonders wertvollen und sehr weit zurückreichenden Bestände seien verschwunden. Das ist ein unglaublicher Vorgang mitten in der UNESCO-Welterbestadt, der dringend aufgeklärt werden muss.
Neue Talsperren im Harz?
Wie kann das System der Harztalsperren angesichts der Herausforderungen durch die Auswirkungen des Klimawandels für die Zukunft weiterentwickelt werden? Dieser Frage wurde auf Anregung der Harzwasserwerke GmbH in dem von der EU und dem Land Niedersachsen geförderte Verbundprojekt „Energie- und Wasserspeicher Harz“ (EWAZ) seit 2019 nachgegangen. Im Herbst 2023 wurde die EWAZ-Studie veröffentlicht. Beweggrund für die Studie ist aber nicht nur die Klimakrise, sondern, wie bereits in der ROTEN MAPPE 2022 geschildert, auch das lukrative Geschäft mit dem Trinkwasser. Die Harzwasserwerke wollen zusätzliche Kapazitäten durch neue Talsperren und die Erhöhung bestehender Dämme schaffen. Beabsichtigt ist, die Granetalsperre zu erhöhen und im Innerstetal will man zwischen Wildemann und Lautenthal sogar eine neue Talsperre bauen – die kleine Siedlung Hüttschenthal würde verschwinden, viele Wanderwege und die Innerstetalstraße müssten verlegt werden und dabei würden weitere Naturflächen unter Asphalt verschwinden. Auch die Siebertalsperre, gegen die sich der Niedersächsische Heimatbund und andere Heimat- und Naturschutzorganisationen schon seit den 1970er Jahren entschieden und bisher mit Erfolg gewandt haben, findet sich in der EWAZ-Studie wieder. Ist die Sieber doch das einzige größere Fließgewässer im Westharz, dass nicht durch eine Staumauer unüberwindbar verriegelt ist.
Bevor solchen Ausbauplänen, die z.T. mit gravierenden Beeinträchtigungen für Natur und Landschaft im Harz verbunden wären, weiter nachgegangen wird, sollten die aktuellen und schnell umsetzbaren Aufgabenstellungen gelöst und die Ursachen der Trinkwasserknappheit angegangen werden. Dafür bittet der NHB die Landesregierung folgende Empfehlungen aufzugreifen bzw. zu unterstützen:
– Die Kommunen in Niedersachsen müssen wieder den Vorrang auf die dezentrale Wassergewinnung legen, gemäß § 50 Abs. 2 des Wasserhaushaltsgesetzes:
„Der Wasserbedarf der öffentlichen Wasserversorgung ist vorrangig aus ortsnahen Wasservorkommen zu decken, soweit überwiegende Gründe des Wohls der Allgemeinheit dem nicht entgegenstehen.“ Es muss Schluss sein mit der Stilllegung der örtlichen Wasserversorgung und dem bequemen Anschluss an die Harztalsperren!
– Die Überdüngung der Böden durch die Landwirtschaft muss endlich eingestellt werden. Die Harzwasser-Pipelines in das norddeutsche Flachland dienen heute auch dazu, Grundwasser zu verschneiden, damit die zu hohen Nitratgehalte gesenkt werden.
– Die Kleinstaaterei in der Harzer Wasserwirtschaft muss beendet werden. Bis heute gibt es keine Verbindungsleitung zwischen dem Talsperrensystem des Westharzes und dem des Ostharzes. Für eine solche Verbindung – die in Krisenzeiten schnell notwendig werden könnte – müsste nur ein Stück neue Leitung verlegt werden. Es bedarf eines den ganzen Harz umfassenden Trinkwasser-Verbundsystems.
– Für die Innerstetalsperre ist ein Wasserschutzgebiet auszuweisen. Eine Beileitungstalsperre im oberen Innerstetal, wie sie jetzt geplant wird, würde mit einem Überleitungsstollen direkt mit der Granetalsperre verbunden werden. Daher benötigt dann das ganze Innerstetal und damit auch die Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld ein Wasserschutzgebiet.
– Die Niedrigwasserabgabe der Eckertalsperre muss erhöht werden. Bis jetzt ist es nur ein kleines Rinnsal, das aus der Talsperre fließt und die Ecker fällt oft teilweise trocken, mit gravierenden Folgen für die Fließgewässerbiozönose.
– Die Renaturierung der Fließgewässer, das Freihalten der Flussauen von Bebauung und die Ausweisung von weiteren Wasserrückhalteflächen im Bereich der Flüsse ist in größeren Umfang und mit mehr Nachdruck voranzutreiben. Die letzten Hochwässer mit ihrer flächenhaften Wirkung und schwer einschätzbaren lokalen Dynamik und die halbleeren Talsperren in der Dürre haben gezeigt, dass dies wirkungsvoller ist, als im Stil der 1970er Jahre auf den Aus- und Neubau von Talsperren zu setzen.
Dazu antwortet die Landesregierung in der WEISSEN MAPPE u.a., dass die Harzwasserwerke derzeit prüfen, in welcher Form sie das Innerstetal und die dortige Innerstetalsperre mit einem Wasserschutzgebiet schützen muss. Geplant sei es, auch die Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld in ein Wasserschutzgebiet einzubeziehen – unabhängig von der Frage einer möglichen Oberen Innerstetalsperre.
Südharzer Gipskarstlandschaft
Seit 40 Jahren mahnen der NHB und andere niedersächsische Naturschutzverbände, unterstützt von internationalen Forschern und Wissenschaftlern, vergeblich den ausreichenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Karstlandschaft des Südharzes an. Währenddessen haben die Industrialisierung des Gipsabbaus und die Ausdehnung von Siedlungs- und Gewerbeflächen zu einem gravierenden Verlust an Biodiversität in dieser vom Bundesamt für Naturschutz mit dem Prädikat „Hotspot der Artenvielfalt“ ausgezeichneten Kulturlandschaft geführt. Die wegen des Klimawandels unvermeidbare weitere Inanspruchnahme des Raums für die regenerative Energiegewinnung wird zu weiteren Verlusten führen. Der NHB bittet die Landesregierung um:
· die länderübergreifende Ermittlung des Bedarfs an Naturgips (auch unter Einbeziehung der verfügbaren Lagerstätten in anderen Bundesländern) unter Berücksichtigung sämtlicher Möglichkeiten der Substituierung und der Recyclingwirtschaft vor dem Hintergrund der Bauwende,
· ein länderübergreifendes naturschutzfachliches Konzept für die Gipskarstlandschaft des Südharzes unter besonderer Berücksichtigung der europarechtlichen Verpflichtungen;
· die aktive Förderung der Markteinführung nichtfossiler Baustoffe und des Recyclings (Kreislaufwirtschaft) und die
· Initiierung und Begleitung des zivilgesellschaftlichen Diskurses in der Südharz-Region über die Einrichtung einer länderübergreifenden Biosphärenregion entsprechend den UNESCO-Vorgaben.
Weitere Details siehe hier https://niedersaechsischer-heimatbund.de/publikationen/rote-mappe-weisse-mappe/
Gemeinsam können wir mehr erreichen und den Nationalpark Harz als Naturraum schützen und erhalten.