Verstärkte Hochwässer, Stürme und Rekordwärme auch Harz – der Klimawandel läuft
Es vergeht kaum ein Tag ohne Nachrichten zum Klimawandel: steigende Durchschnittstemperaturen, Hitzewellen, stärkere Stürme, Regenfälle und Hochwässer ... Auch wir im Harz bekommen zu diesen Problemen immer wieder Anfragen.
Auch der Harz ist betroffen
Der schwedische Physiker Arrhenius schrieb bereits 1896 (!), dass Treibhausgase, speziell CO2, das Klima der Erde verändern können – das bei der massenhaften Verfeuerung von Kohle und Öl freigesetzte Kohlendioxid werde die Temperaturen weltweit um bis zu 6 °C ansteigen lassen. Wir wissen also schon sehr lange, wo das Problem liegt. Die Brockhaus- Enzyklopädie vermerkte 1970 unter dem Stichwort „Kohlendioxid“: „Die Zunahme des Kohlendioxidgehaltes der Luft, etwa 13 % in den letzten 100 Jahren, führt wegen verstärkter Absorption der von der Erdoberfläche abgestrahlten Infrarotstrahlung zu einer allmählichen Erhöhung der Durchschnittstemperatur der Lufthülle (etwa 0,5 °C in den letzten 100 Jahren)".
Am 13. November 1972 brausten über das norddeutsche Flachland brausen Windböen mit teilweise bis zu 170 km/h – diesem sog. Niedersachsen-Orkan fielen europaweit über 50 Menschen zum Opfer. Wie wir heute wissen, waren das wohl die ersten Vorboten des Klimawandels – sie wurden damals nur noch nicht so interpretiert.
Auch im Harz ist der Klimawandel heute längst nachweisbar. Mehrere Institutionen erheben hier Klimadaten, z.B. der Deutsche Wetterdienst (DWD), der Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt (www.talsperren-lsa.de) oder die Harzwasserwerke (www.harzwasserwerke.de) – daher verfügen wir über eine gute Datengrundlage. Viele Messstationen stehen an den Talsperrendämmen; Standardmessgerät ist der Hellmann-Regenmesser.
Bereits vor Jahren wurde im Rahmen der Borkenkäferdiskussionen im Harz
angemerkt, dass in unserem Mittelgebirge die Zahl der Tropentage, d.h. der Tage
mit einem Maximum der Lufttemperatur von über 30 °C, zunimmt. Die aktuelle
Borkenkäferentwicklung ist in ihrem Umfang und ihrer Geschwindigkeit auch auf
die globale Erwärmung zurückzuführen.
2003 war es dann auf dem Brocken so warm wie noch nie. Die Wetterstation Brocken meldete am 12.8.2003 eine Maximaltemperatur von 28.2 °C - damit wurde die aus dem Jahr 1992 stammende Rekordtemperatur eingestellt. Bemerkenswert ist außerdem, dass dort an drei Tagen hintereinander die 25 °C-Marke überschritten wurde. Das hatte es auf dem Brocken noch nie zuvor gegeben. Der DWD nannte es das „Superjahr 2003“; die Jahresmitteltemperatur 2003 aller deutschen Stationen war um 1,2° C wärmer als üblich und im Durchschnitt aller Stationen fielen 25% Niederschlag weniger als im langjährigen Mittel.
2005 lagen auf dem Brocken die durchschnittlich gemessenen Temperaturen um 0.7 °C über dem statistisch zu erwartenden Wert. Die gleiche Tendenz besteht im Westharz: die Harzwasserwerke stellten aufgrund ihrer langjährigen Messreihen fest, dass der Sommer 2005 (Mai - Oktober) deutlich wärmer als im langjährigen Mittel ausfiel - die Temperaturdifferenz betrug ca. 1 °C. Die Erwärmung führte in diesem Zeitraum im Oberharz zu einer deutlich höheren Verdunstung und damit trotz des nur wenig unterdurchschnittlichen Niederschlages zu Abflüssen von nur 50 – 70 % des Mittelwertes der Vorjahre.
Am 20.7.2006 überschritt die Temperatur auf dem Brocken erneut die Marke von 28 °C. Insgesamt war der Juli 2006 der heißeste seit Menschengedenken registrierte Juli im Harz. Ebenfalls ungewöhnlich warm waren der Winter 2006/2007 und das Frühjahr 2007. Der April 2007 war der wärmste je auf dem Brocken gemessene April. Deutschlandweit war es 2007 durchschnittlich 9,89 Grad Celsius warm. Damit war 2007 nach ersten Hochrechnungen des Deutschen Wetterdienstes das heißeste Jahr seit Beginn der flächendeckenden Messungen – zusammen mit dem Jahr 2000. Und dieser Trend setzt sich ganz offenbar fort.
Sollte auch nur das mildeste Szenario der Klimaforscher eintreten, sind die Jahre 2003, 2006 und 2007 erst der Auftakt einer Entwicklung, in der sog. „Superjahre“ häufig aufeinander folgen werden.
Wer sich schnell und bequem über die Messwerte informieren möchte, dem steht die Webseite www.wetteronline.de zur Verfügung – die Wetterstation Brocken verbirgt sich hier hinter der Bezeichnung „Oberharz“, die auf ca. 600 m Höhe gelegene Station Braunlage dagegen unter der Bezeichnung „Harz“. Benachbarte Stationen der engeren und weiteren Nationalparkregion sind z.B. Wernigerode, Quedlinburg und Osterode. Mit der Funktion „Rückblick“ kann man Messwerte der vergangenen Jahre abrufen.
Die globale Erwärmung
Die Wetterkapriolen sprechen für die Klimaforscher eine klare Sprache. Nach einer Studie der NASA waren die Durchschnittstemperaturen an der Erdoberfläche seit Beginn der Temperaturmessungen Ende des 19. Jh. nie höher als heute.
Der Meeresspiegel ist während der letzten 100 Jahre um 1 bis 2 mm jährlich angestiegen; insgesamt hat sich der Meeresspiegel im Laufe des 20. Jh. um ca. 15 cm angehoben. Der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre ist um mehrere Prozent pro Jahrzehnt parallel mit der zunehmenden Erwärmung der Troposphäre gestiegen. Die Wolkenbedeckung hat im 20. Jh. in mittleren und hohen geographischen Breiten um bis zu 2 % zugenommen. Seit 1960 ist die Ausdehnung der Schneebedeckung auf der Nordhemisphäre um ca. 10 % zurückgegangen. Weltweit ziehen sich die Gletscher in den Bergregionen seit Mitte des 19. Jh. zurück. Die Ausdehnung der arktischen Meereisdecke im Frühjahr und Sommer hat seit 1950 um 10 bis 15 % abgenommen, die Eisdicke ist in dieser Periode sogar um 40 % geschrumpft.
Häufigere und heftigere Starkniederschläge, Hochwässer und Hitzewellen sowie ihre Auswirkungen sind spürbar. Kurzzeitige, extrem hohe Niederschläge und besonders warme Tage – speziell im Winter – treten viel häufiger auf als noch vor 100 Jahren. Die Temperatur stieg in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren um etwa 0,8 °C an. Dieser Wandel wurde durch häufiger und heftiger werdende Wetterextreme begleitet. Trotz der jetzigen Klimaschutzmaßnahmen dürfte bis 2080 in Deutschland eine deutliche Erwärmung von etwa 1,8 - 3,6 °C eintreten. Es wird mit zunehmend wärmeren, feuchteren Wintern und heißeren, trockeneren Sommern gerechnet. Die Wahrscheinlichkeit für extreme Hitzewellen erhöhte sich in den vergangenen 100 Jahren bereits um mehr als das 20fache. Eine weitere Zunahme von Hitzewellen und überwiegend winterlichen Starkniederschlägen ist wahrscheinlich.
Die biologischen Folgen der Erwärmung sind bereits mit Händen zu greifen. So ist nach einer Studie des Instituts für Geobotanik der Universität Hannover die nördliche europäische Wachstumsgrenze für die Stechpalme (Ilex aquifolium) in den vergangenen 50 Jahren um einige 100 km weiter nach Norden gewandert. Die Stechpalme ist die einzige in Mitteleuropa heimische immergrüne Laubbaumart. In den 1940er Jahren verlief ihre Verbreitungsgrenze durch Dänemark und das nordöstliche Deutschland. Inzwischen hat sie die Ostsee übersprungen und wächst auch in Schweden. Dies ist nur ein Beispiel von vielen – die Vegetation beginnt sich stark zu verändern und damit auch die Tierwelt.
Aus dem Klimawandel ergeben sich vielfältige Risiken für den Naturschutz, die menschliche Gesundheit, die Land-, Forst- und Wasserwirtschaft sowie für Tourismus und Verkehr. Probleme werden u.a. von Hochwasserereignissen und Trockenperioden ausgehen. Dem Harz wird langsam aber sicher der Schnee ausgehen.
Nationalparke unter Klima-Stress
Der Klimawandel
macht bedrohten Tieren und Pflanzen in Nationalparken inzwischen genauso zu
schaffen wie die Wilderei. Auf dem World Parks Congress im südafrikanischen
Durban legte der WWF 2003 einen neuen Report vor, in dem die Auswirkungen des
Klimawandels auf Schutzgebiete dokumentiert werden. Die Veränderungen des
Lebensraumes stellen viele Parkverwaltungen inzwischen vor schwierige Aufgaben.
Der Bericht verdeutlicht, dass seltenen Arten wie dem Edelweiß in den
europäischen Alpen immer weniger Rückzugsgebiete bleiben. Von der arktischen
Tundra in Kanada bis zu australischen Korallenriffen - die klimatischen
Veränderungen zeigen sich mittlerweile in Schutzgebieten rund um den Globus. Dem
Energiesektor kommt beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle zu. Knapp 40 % der
CO2-Emissionen
entstehen durch die Stromerzeugung. Deshalb fordert der WWF ein Umsteuern auf
saubere Energien.„Wenn wir den
Klimawandel nicht erfolgreich bekämpfen, müssen wir viele Naturschutzerfolge der
vergangenen Jahrzehnte abschreiben“,
mahnte Dr. Claude Martin auf dem World Parks Congress in Durban.
Volkswirtschaftliche Schäden immer größer
Nach Aussage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnten allein die volkswirtschaftlichen Schäden aufgrund des Klimawandels ab 2050 weltweit die Größenordnung von mehreren Billionen Euro pro Jahr erreichen, davon weit mehr als 100 Mrd. Euro allein in Deutschland.
Welche Folgen der Klimawandel hierzulande mit sich bringen wird, zeigen aktuelle Studien, die im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) entstanden sind. Momentan besitzen demnach Südwestdeutschland, die zentralen Teile Ostdeutschlands und die Alpen die höchste Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel. Neben erhöhter Hochwassergefahr für viele Flüsse ist u.a. die Forstwirtschaft von Trockenperioden und der zunehmenden Gefahr von Krankheiten und Schädlingsbefall betroffen. Hinzu kommen eine erhöhte Waldbrandgefahr sowie die Gefahr durch Sturmschäden u.a. Extremereignisse. Die Anpassungsmöglichkeiten sind in der Forstwirtschaft aufgrund der langen Umtriebszeiten und hoher Kosten beschränkt. Kritisch wird es für alle Standorte, auf denen Baumarten schon jetzt am Rande ihrer Klimatoleranz stocken. Als besonders empfindlich werden von Dürre betroffene Regionen und Regionen mit sehr hoher Erwärmung und einem hohen Anteil nicht standortangepasster Fichtenbestände eingestuft. Auch die menschliche Gesundheit ist gefährdet. Infolge des Klimawandels werden Krankheiten wie Hautkrebs, Borreliose und Malaria, aber auch die durch Pollenflug induzierten Körperreaktionen zunehmen. Während der Hitzewelle im Sommer 2003 starben in Frankreich 15.000 Menschen – selbst wenn man sich künftig auf solche Supersommer besser vorbereitet, deutet diese Tatsache dennoch an, welch gravierende gesellschaftliche Folgen der Klimawechsel haben könnte.
Harzer Tourismus und Schneesicherheit
Für den Harz hat der Tourismus eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. In dieser Branche ist der Wintersporttourismus besonders vom Klimawandel betroffen – es muss mit einer zurückgehenden Schneesicherheit gerechnet werden, für die langfristig kaum geeignete Anpassungsmaßnahmen bestehen. Die Autoren Schneider & Schönbein (2006) stellen fest: „... sind Harz und Südschwarzwald ... besonders hart von der Erwärmung betroffen. ... Besonders kritisch ist die Situation überall in Höhenlagen zwischen 700 m N.N. und 900 m N.N. Nur ausgesuchte Standorte mit besonderer Infrastruktur oder besonderem Lokalklima werden sich hier halten können.“
Ausblick
Selbst wenn die Emissionen der klimawirksamen Gase heute umgehend auf ein vorindustrielles Niveau zurückgeführt würden, wäre die Klimaerwärmung in den kommenden Jahrzehnten nicht abwendbar. In den Weltmeeren ist, wie in einer gigantischen Wärmflasche, die Energie der vergangenen Jahrzehnte eingefangen. Dieser Speicher heizt die Atmosphäre in den nächsten Dekaden auf jeden Fall weiter auf. Wir sind daher gut beraten, neben den unbedingt notwendigen Vermeidungskonzepten (Reduktion des Ausstoßes von CO2 u.a. Treibhausgasen; Kyoto-Protokoll) auch Anpassungsstrategien an den Klimawandel zu entwickeln. Auch der Nationalpark Harz kann im Rahmen der Regierungsmaßnahmen der Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt seinen Beitrag zu diesem Zukunftsthema leisten, indem er den Klimawandel und seine Folgen in den Ökosystemen aufzeigt und in seine Öffentlichkeits- und Umweltbildungsarbeit aufnimmt. Denn der Nationalpark wird mit seiner Aufgabe der wirtschaftlichen Nutzung der Naturressourcen eine wichtige regionale Monitoringfläche für die Klimaentwicklung und ihre Wirkungen sein.
Quellen zum Weiterlesen
Klimagase
www.umwelt.niedersachsen.de/master/C636686_N11453_L20_D0_I598.html
Dr. Friedhart Knolle