Verstärkte Hochwässer, Stürme und Rekordwärme auch Harz – der Klimawandel läuft
Es vergeht kaum ein Tag ohne Nachrichten zum Klimawandel: steigende Durchschnittstemperaturen, Hitzewellen, stärkere Stürme, Regenfälle und Hochwässer ... Auch wir im Harz bekommen zu diesen Problemen immer wieder Anfragen.
Am 13. November 1972 brausten über das norddeutsche Flachland Windböen mit teilweise bis zu 170 km/h hinweg – diesem sog. Niedersachsen-Orkan fielen europaweit über 50 Menschen zum Opfer. Wie wir heute wissen, waren das wohl die ersten deutlichen Vorboten des Klimawandels – sie wurden damals nur noch nicht so interpretiert.
Auch im Harz ist der Klimawandel heute längst nachweisbar. Mehrere Institutionen erheben hier Klimadaten, z.B. der Deutsche Wetterdienst (DWD), der Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt (www.talsperren-lsa.de) oder die Harzwasserwerke (www.harzwasserwerke.de) – daher verfügen wir über eine gute Datengrundlage. Viele Messstationen stehen an den Talsperrendämmen; Standardmessgerät ist der Hellmann-Regenmesser.
Bereits
vor Jahren wurde im Rahmen der Borkenkäferdiskussionen im Harz angemerkt, dass
in unserem Mittelgebirge die Zahl der Tropentage, d.h. der Tage mit einem
Maximum der Lufttemperatur von über 30 °C, zunimmt. Die aktuelle
Borkenkäferentwicklung ist in ihrem Umfang und ihrer Geschwindigkeit auch auf
die globale Erwärmung zurückzuführen.
2003 war es dann auf dem Brocken so warm wie noch nie. Die Wetterstation Brocken meldete am 12.8.2003 eine Maximaltemperatur von 28.2 °C – damit wurde die aus 1992 stammende Rekordtemperatur eingestellt. Bemerkenswert ist außerdem, dass dort an drei Tagen hintereinander die 25 °C-Marke überschritten wurde. Das hatte es auf dem Brocken noch nie zuvor gegeben. Der DWD nannte es das „Superjahr 2003“ – die Jahresmitteltemperatur aller deutschen Stationen war um 1,2° C wärmer als üblich und im Durchschnitt aller Stationen fielen 25% Niederschlag weniger als im langjährigen Mittel.
2005 lagen auf dem Brocken die durchschnittlich gemessenen Temperaturen um 0,7 °C über dem statistisch zu erwartenden Wert. Die gleiche Tendenz besteht im Westharz. Die Harzwasserwerke stellten aufgrund ihrer langjährigen Messreihen fest, dass der Sommer 2005 (Mai - Oktober) deutlich wärmer als im langjährigen Mittel ausfiel – die Temperaturdifferenz betrug ca. 1 °C. Die Erwärmung führte in diesem Zeitraum im Oberharz zu einer deutlich höheren Verdunstung und damit trotz des nur wenig unterdurchschnittlichen Niederschlages zu Abflüssen von nur 50 - 70 % des Mittelwertes der Vorjahre.
Am 20.7.2006 überschritt die Temperatur auf dem Brocken erneut die Marke von 28 °C. Insgesamt war der Juli 2006 der heißeste seit Menschengedenken registrierte Juli im Harz. Ebenfalls ungewöhnlich warm waren der Winter 2006/2007 und das Frühjahr 2007. Der April 2007 war der wärmste je auf dem Brocken gemessene April. Deutschlandweit war es 2007 durchschnittlich 9,89 Grad Celsius warm. Damit war 2007 nach ersten Hochrechnungen des Deutschen Wetterdienstes das heißeste Jahr seit Beginn der flächendeckenden Messungen – zusammen mit dem Jahr 2000. Das Jahr 2011 war auf dem Brocken mit 4,8 Grad insgesamt 2 Grad zu warm und mit 1989 das wärmste Jahr seit 116 Jahren. Und dieser Trend setzt sich ganz offenbar fort.
Sollte auch nur das mildeste Szenario der Klimaforscher eintreten, sind die Jahre 2003, 2006 und 2007 erst der Auftakt einer Entwicklung, in der sog. „Superjahre“ häufig aufeinander folgen werden.
Auch die Extreme nehmen zu. Ein Beispiel ist der November 2010 – es war der niederschlagreichste November auf dem Brocken seit 115 Jahren.
Wer sich schnell und bequem über die Harzer Messwerte informieren möchte, dem steht u.a. die Webseite www.wetteronline.de mit den Wetterstationen Braunlage und Brocken zur Verfügung. Benachbarte Stationen der engeren und weiteren Nationalparkregion sind z.B. Wernigerode, Quedlinburg und Osterode. Mit der Funktion „Rückblick“ kann man Messwerte der vergangenen Jahre abrufen.
Die globale Erwärmung
Die Wetterkapriolen sprechen für die Klimaforscher eine klare Sprache. Nach
einer Studie der NASA waren die Durchschnittstemperaturen an der Erdoberfläche
seit Beginn der Temperaturmessungen Ende des 19. Jh. nie höher als heute.
Der Meeresspiegel ist während der letzten 100 Jahre um 1 bis 2 mm jährlich angestiegen. Insgesamt hat sich der Meeresspiegel im Laufe des 20. Jh. um ca. 15 cm angehoben. Der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre ist um mehrere Prozent pro Jahrzehnt parallel mit der zunehmenden Erwärmung der Troposphäre gestiegen. Die Wolkenbedeckung hat im 20. Jh. in mittleren und hohen geographischen Breiten um bis zu 2 % zugenommen. Seit 1960 ist die Ausdehnung der Schneebedeckung auf der Nordhemisphäre um ca. 10 % zurückgegangen. Weltweit ziehen sich die Gletscher in den Bergregionen seit Mitte des 19. Jh. zurück. Die Ausdehnung der arktischen Meereisdecke im Frühjahr und Sommer hat seit 1950 um 10 bis 15 % abgenommen, die Eisdicke ist in dieser Periode sogar um 40 % geschrumpft.
Häufigere und heftigere Starkniederschläge, Hochwässer und Hitzewellen sowie ihre Auswirkungen sind spürbar. Kurzzeitige, extrem hohe Niederschläge und besonders warme Tage – speziell im Winter – treten viel häufiger auf als noch vor 100 Jahren. Die Temperatur stieg in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren um etwa 0,8 °C an. Dieser Wandel wurde durch häufiger und heftiger werdende Wetterextreme begleitet. Trotz der jetzigen Klimaschutzmaßnahmen dürfte bis 2080 in Deutschland eine deutliche Erwärmung von etwa 1,8 - 3,6 °C eintreten. Es wird mit zunehmend wärmeren, feuchteren Wintern und heißeren, trockeneren Sommern gerechnet. Die Wahrscheinlichkeit für extreme Hitzewellen erhöhte sich in den vergangenen 100 Jahren bereits um mehr als das 20fache. Eine weitere Zunahme von Hitzewellen und überwiegend winterlichen Starkniederschlägen ist wahrscheinlich.
Die biologischen Folgen der Erwärmung sind bereits mit Händen zu greifen. So ist nach einer Studie des Instituts für Geobotanik der Universität Hannover die nördliche europäische Wachstumsgrenze für die Stechpalme (Ilex aquifolium) in den vergangenen 50 Jahren um einige 100 km weiter nach Norden gewandert. Die Stechpalme ist die einzige in Mitteleuropa heimische immergrüne Laubbaumart. In den 1940er Jahren verlief ihre Verbreitungsgrenze durch Dänemark und das nordöstliche Deutschland. Inzwischen hat sie die Ostsee übersprungen und wächst auch in Schweden. Dies ist nur ein Beispiel von vielen – die Vegetation beginnt sich stark zu verändern und damit auch die Tierwelt.
Aus dem Klimawandel ergeben sich vielfältige Risiken für den Naturschutz, die menschliche Gesundheit, die Land-, Forst- und Wasserwirtschaft sowie für Tourismus und Verkehr. Probleme werden u.a. von Hochwasserereignissen und Trockenperioden ausgehen. Dem Harz wird langsam aber sicher der Schnee ausgehen.
Nationalparke unter Klima-Stress
Der Klimawandel macht bedrohten Tieren und
Pflanzen in Nationalparken inzwischen genauso zu schaffen wie die Wilderei. Auf
dem World Parks Congress im südafrikanischen Durban legte der WWF 2003 einen
Report vor, in dem die Auswirkungen des Klimawandels auf Schutzgebiete
dokumentiert wurden. Die Veränderungen des Lebensraumes stellen viele
Parkverwaltungen inzwischen vor schwierige Aufgaben. Der Bericht verdeutlicht,
dass seltenen Arten wie dem Edelweiß in den europäischen Alpen immer weniger
Rückzugsgebiete bleiben. Von der arktischen Tundra in Kanada bis zu
australischen Korallenriffen – die klimatischen Veränderungen zeigen sich
mittlerweile in Schutzgebieten rund um den Globus. Dem Energiesektor kommt beim
Klimaschutz eine Schlüsselrolle zu. Knapp 40 % der
CO2-Emissionen
entstehen durch die Stromerzeugung. Deshalb fordert der WWF ein Umsteuern auf
saubere Energien.
„Wenn wir den Klimawandel nicht erfolgreich
bekämpfen, müssen wir viele Naturschutzerfolge der vergangenen Jahrzehnte
abschreiben“,
mahnte Dr. Claude Martin auf dem World Parks Congress in Durban.
Welche Folgen der Klimawandel hierzulande mit sich bringen wird, zeigen aktuelle Studien, die im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) entstanden sind. Momentan besitzen demnach Südwestdeutschland, die zentralen Teile Ostdeutschlands und die Alpen die höchste Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel. Neben erhöhter Hochwassergefahr für viele Flüsse ist u.a. die Forstwirtschaft von Trockenperioden und der zunehmenden Gefahr von Krankheiten und Schädlingsbefall betroffen. Hinzu kommen eine erhöhte Waldbrandgefahr sowie die Gefahr durch Sturmschäden u.a. Extremereignisse. Die Anpassungsmöglichkeiten sind in der Forstwirtschaft aufgrund der langen Umtriebszeiten und hoher Kosten beschränkt. Kritisch wird es für alle Standorte, auf denen Baumarten schon jetzt am Rande ihrer Klimatoleranz stocken. Als besonders empfindlich werden von Dürre betroffene Regionen und Regionen mit sehr hoher Erwärmung und einem hohen Anteil nicht standortangepasster Fichtenbestände eingestuft.
Auch Gesundheit gefährdet
Auch die menschliche Gesundheit ist gefährdet. Infolge des
Klimawandels werden Krankheiten wie Hautkrebs, Borreliose und Malaria, aber auch
die durch Pollenflug induzierten Körperreaktionen zunehmen.
Während der Hitzewelle im Sommer 2003 starben in
Frankreich 15.000 Menschen – selbst wenn man sich künftig auf solche Supersommer
besser vorbereitet, deutet diese Tatsache dennoch an, welch gravierende
gesellschaftliche Folgen der Klimawechsel haben könnte.
www.umweltbundesamt.de/klimaschutz
Schneider, C. & Schönbein, J. (2006): Klimatologische Analyse der Schneesicherheit und Beschneibarkeit von Wintersportgebieten in deutschen Mittelgebirgen. – Schriftenr. Natursport und Ökologie 19, Institut für Natursport und Ökologie, Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), 111 S., ISSN 1612-2437
Dr. Friedhart Knolle